Ich gebe es zu – Es ist nicht sonderlich originell, wenn man am heutigen Tage über den Mauerfall schreibt bzw. über die Trennung der beiden deutschen Staaten nachdenkt. Schließlich sind alle Medien mit dem 20jährigen Jubiläum beschäftigt und man kann den Eindruck bekommen, dass es nur noch dieses eine Thema gibt.
Ich könnte nun versuchen, die politischen Hintergründe aufzuzeigen oder über die Frage spekulieren, ob es zwischen der parlamentarischen Demokratie der Bundesrepublik und dem Sozialismus der DDR nicht doch noch eine bessere Alternative geben könnte. Aber dazu melden sich ja schon eine Menge Menschen zur Wort, daher möchte ich den Mauerfall aus meinem ganz persönlichen Blickwinkel beschreiben. Und das ist nun einmal die Sicht aus dem Westen, woran ich aber auch nichts ändern kann.
Ich gehöre zu der Generation, der man in den Jugend noch die Drohung “Geh’ doch nach drüben” an den Kopf schleuderte, wenn man irgendwie aus der Art schlug. Langhaarige, Punks, Linke – sie alle sollten doch nach drüben gehen, wenn es ihnen hier nicht passt. Somit war schon mal gewährleistet, dass als Jugendlicher den Eindruck hatte, dass es “da drüben” ganz schön schlimm sein musste.
Die meisten Westler meiner Generationen kamen ansonsten nur zur Weihnachtszeit mit der DDR in Berührung… und zwar dann, wenn Opa mal wieder ein Weihnachtspaket für die Verwandschaft jenseits der Grenze packte. Echte Schokolade, echte Kaffee und echte Jeans. Offensichtlich schien es im Osten nur Kopien zu geben, was für uns Kids, die schon damals auf Marken standen, sehr befremdlich war. Ohne Milka, Jacobs Kaffee oder Levi’s Jeans kann doch kein Mensch leben.
Wenn heute gefeiert wird, dann sieht man kaum Menschen meiner Generation in Jubellaune. Das hat in meinen Augen einen einfachen Grund. Wir hatten einfach keinen Bezug zu den Brüdern und Schwestern im Osten. Wenn mal Besuch aus dem Osten kam, waren das nur die Rentner, die endlich mal in den Westen reisen durften. Dann kamen also Tante Irma oder Tante Lieschen, denen man als 10jähriger zwar zuhörte, aber man lag nun einmal nicht auf einer Wellenlänge. Man hatte keine Chance mal mit gleichaltrigen Kids aus dem Osten Kontakt zu haben, zu lernen, welche Musik die wohl hören oder welche Filme sie sehen. Das wäre aber wichtig gewesen, um einen Bezug der der damaligen Gegenwart herzustellen.
Ohne diese, ich nenne sie mal “aktuellen” Kontakte, wurde man nur durch die Erzählungen der eigenen Eltern und Großeltern geprägt. Meine Mutter und ihre Eltern waren Jahre vor dem Bau der Mauer in den Westen geflüchtet, hatten Hab und Gut hinterlassen, um nicht mehr dem totalitären Überwachungsstaat ausgesetzt zu sein. Diesen hatten sie schon von 1933 – 1945 erlebt, das braucht kein Mensch 2 Mal im Leben.
Man kann sich lebhaft vorstellen, dass sie kein gutes Haar an der DDR ließen, was absolut verständlich war. Somit war ich vorgeprägt und wenn man dazu noch bedenkt, dass es keine Milka & Co. im Osten gab, war dieses Land für mich wahrlich kein sozialistisches Paradies.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, als die Tanten aus dem Osten kamen und Geschenke mitbrachten. Die Bücher waren aus dünnem Papier, Skatkarten waren nicht dicker als das Kopierpapier im Westen. Das waren wirklich die armen Brüder und Schwestern, so viel war mir klar.
Meine ersten persönlichen Erfahrungen mit der DDR gab es in meiner Kindheit. Mein Onkel wohnte in West-Berlin und wenn wir ihn mit dem Auto oder der Bahn besuchen fuhren, hatten wir immer das zweifelhafte Vergnügen mit den unsäglichen DDR-Grenzern. Für mich als Kind gab es kaum finstere oder beängstigendere Gestalten als diese Typen, die einen immer so ansahen, als würde man ganz persönlich die ach so tolle DDR zum Einsturz bringen wollen oder, was noch schlimmer ist, Zeitungen oder Platten in den Osten schmuggeln.
Zum 1. Mal war ich Ende der 70er Jahre in der DDR. Von meinem West-Berlin Onkel fuhren wir auf einen Tagesbesuch zu einem Ost-Berlin Cousin. Da ich als Kind mit einem ordentlichen Appetit gesegnet war, gab mir meine Mutter den Hinweis, dass ich “da nicht so viel essen solle, weil die nicht so viel haben”. Die Erwachsenen waren am Abend unterwegs und ich blieb bei den beiden Kindern des Cousins. Es gab Abendbrot und eigentlich sah es wie im Westen aus (Brot, Butter, Wurst), aber da ich den armen Kindern nichts wegessen wollte, aß ich lieber gar nichts. Als es in der Nacht in den Westen zurückging, knurrte mein Magen noch immer.
Zu allem Überfluss hatte ich später Alpträume, da ich im DDR Fernsehen einen Film gesehen hatte, in dem es irgendwie um ein Kind mit einer seltsamen Holzpuppe in einem Karton ging. Ich habe keinerlei genauere Erinnerung daran, aber ich hatte jede Menge Schiss.
Anfang der 80er Jahre wurde die politischen Diskussion in der BRD vom Kampf West vs. Ost bestimmt. Die Amis stellten bei uns Pershing Raketen auf, während die Russen ihre SS20 in der DDR positionierten. Meine Abneigung gegen den Osten wuchs noch mehr und ich hatte keinerlei Verständnis für die Ökos und Friedensheinis, die sich lieber mit Blümchen gegen den Feind verteidigen wollte. Was für ein Haufen Phantasten.
Innerlich hatte man sich hier im Westen längst mit der Teilung abgefunden. Als meine Mutter mit ihren Eltern in dieser Zeit bei einem Treffen der Pommereschen Landsmannschaft in Bad Bevensen war und dort ein CDU Politiker davon sprach, dass es eines Tages die Wiedervereinigung geben würde, erntete er nur ein höhnisches “Dor lur man up”. Selbst Menschen, die vor dem Regime geflüchtet waren, glaubten nicht mehr den Floskeln der CDU. Die anderen Parteien hatten die Wiedervereinigung schon längst vergessen, auch wenn sie das heute anders darstellen wollen.
Im Jahr 1985 war ich erneut in Ost-Berlin. Wir machten damals eine Klassenfahrt nach West-Berlin und von dort ging es an einem Tag auch in den Osten. Ein paar Schulkollegen und ich waren vom Bahnhof direkt zum Alexanderplatz gegangen, wo wir nach einer ordentlichen Kneipe suchten. Irgendwie musste man ja das DDR Plastikgeld, das man Dank Zwangsumtausch in der Tasche hatte, verballen. Auf Kultur hatten wir überhaupt keine Lust, also gab es ein paar halbe Liter DDR Bier und dazu einen Broiler, was wir nach einigen Überlegungen als Brathähnchen identifizierten. Immerhin schafften wir es, das Geld fast komplett zu verbraten. Zum Schluss noch eine Ausgabe vom “Neuen Deutschland” gekauft, einer kaufte sich noch Karl Marx’ “Kapital” und die letzten Pfennige gingen für eine Körperwaage im Bahnhof drauf.
Danach war ich nie wieder im Osten, hatte weder die Gelegenheit, noch den Wunsch.
Als es dann 1989 mit der DDR zuende ging, ließ mich das persönlich relativ kalt. Ich bekam die ganze Sache zwar mit, aber mir fehlte einfach der Bezug. Es gab niemanden im Osten, den ich gerne sehen wollte. Alle mir wichtigen Menschen war bei mir. Es hat mich zwar gefreut, dass die verdammte Mauer weg war, aber das war es dann auch.
Im Winter 1989 war ich mit einem Kollegen beim Hallenfussball Turnier in der Essener Grugahalle, wo zum 1. Mal ein Ostverein antrat, der glorreiche FC Karl Marx Stadt. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass eine Menge Fans mitgekommen waren, die den ganzen Abend ohne Unterlass “Öff Zee Korl-Morx-Stodt” sangen und nebenbei einen riesigen Vorhang in der Halle anzündeten. Ein toller 1. Eindruck.
Meine Mutter war dann 1990 am Tag der Einheit in Berlin, für sie hatte die ganze Sache natürlich eine viel größere Bedeutung. Mir persönlich war wichtiger, dass sie mir eine DDR und eine SED Fahne mitbrachte, die ich noch heute irgendwo im Keller habe.
Die DDR war nun tot, Deutschland wieder einig Vaterland, aber im Westen sprach man größtenteils vom “blöden Solidaritätszuschlag” oder davon, dass es die Russen nun geschafft haben, Deutschland finanziell zu ruinieren. So ganz falsch lag man mit dieser Ansicht ja nicht.
In der Folgezeit half ich meiner Mutter dabei, eine Entschädigung von Vater Staat dafür zu bekommen, dass sich irgendein DDR Heini ihr Elternhaus unter dem Nagel gerissen hatte, nachdem sie geflüchtet waren. Ein elendig langes Prozedere, das nach vielen Jahren mit einer lächerlichen Summe endete.
Damit enden auch meine Erinnerungen im Bezug auf die DDR. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass ich noch nie etwas von Stasi, Mauerschützen, Enteignung, politische Gefangene usw. gehört habe. Natürlich hat es all’ das gegeben, aber wie gesagt, mir fehlte der persönliche Bezug. Und natürlich hatte die DDR auch ihre positiven Seiten (zumindest wird immer über Dinge wie Kindertreuung, keine Wohnungsnot, keine Arbeitslosigkeit usw. berichtet), aber auch die habe ich nie erfahren.
Daher kann ich an einem Tag wie heute auch nur relativ oberflächlich sagen, dass es schön ist, dass die Mauer weg ist und alle Deutschen in Freiheit leben. Was es aber für einzelne Personen bedeutet, kann ich leider nicht nachvollziehen. Irgendwie habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich den heutigen Tag nicht als etwas besonderes sehe und keinerlei sentimentalen Gedanken habe.
Erschreckend finde ich es, dass es nach mir schon eine komplette Generation gibt, die von der Mauer nichts mehr gesehen hat. Ich werde wirklich alt!